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Generationenforscherin Dr. Steffi Burkhart im Interview "Ausbilder müssen Spaß daran haben, junge Menschen zu entwickeln"

Dr. Steffi Burkhart ist Generationenforscherin und macht sich für die Belange der sogenannten Millennials stark – der nach 1980 Geborenen. Im Interview verrät sie, wie sich Betriebe nun aufstellen sollten und wie die Ausbildung für alle zum Erfolgsmodell werden kann.

Frau Burkhart, die heutigen Jugendlichen – potenzielle Auszubildende im Maler- und Stuckateurhandwerk – gehören der Generation Z an, die komplett digital aufgewachsen ist. Wie sieht die Lebenswelt dieser jungen Menschen aus?

Die Generation Z kennt eine Welt ohne Internet nicht mehr und denkt ausschließlich in der Kategorie "mobile first". Ein Produkt noch am gleichen Tag nach Hause bestellen, mit einem Klick Wissen über eine App wie simpleclub abrufen, online einen Termin buchen: Die Erwartungshaltung lautet "jetzt sofort" und "unmittelbar". Das heißt, alles muss direkt zur Verfügung stehen. Unternehmen spüren diese veränderte Erwartungshaltung und sollten darauf reagieren, aber nicht nur im Umgang mit ihren Kunden, sondern auch, wenn es um Mitarbeiter geht. Gerade Handwerksbetriebe müssen einen Kulturwandel erleben, wenn sie für junge Leute attraktiv sein wollen.

Worauf müssen sich Betriebe mit Blick auf die Mitarbeitergewinnung einstellen?

Ungeduld prägt diese Generation: Wenn sich ein junger Mensch heute überhaupt noch selbst bewirbt, ist es wichtig, den Eingang der Unterlagen zeitnah zu bestätigen. 24 Stunden sind für Generation-Z-Vertreter schon wie eine Ewigkeit. Generell wird es immer digitaler: Der nächste Schritt ist, dass man sich per Mausklick bewerben kann. Es wird Verknüpfungen zu digitalen Plattformen wie Xing oder LinkedIn geben, auf denen Betriebe die Daten der Bewerber abrufen können – das Verhältnis wird sich also drehen. All das führt zu einer Bequemlichkeit der Jugendlichen.

Was bedeutet diese Anspruchshaltung für die Ausbildung im Betrieb?

Für die Generation Z ist Arbeitszeit gleichbedeutend mit Lebenszeit. Junge Menschen wünschen sich einen Ausbilder, der ihnen permanent Feedback gibt und auf Augenhöhe mit ihnen spricht – über die Ausbildung, aber auch über private Themen, die immer mehr mit zur Arbeit genommen werden. Sie verstehen Führungskräfte und Ausbilder eher als Mentoren, die sie darin begleiten, die nächsten Jahre zu durchleben. Ich höre von Auszubildenden oft: "Ich möchte etwas bewirken, in Projekten auch mal Verantwortung tragen und vor allem ernst genommen werden." Sie wollen fachlich und persönlich entwickelt werden. Ich sehe bei vielen Betrieben, dass sie sich genau diese Zeit, mit den Azubis in den intensiven Austausch zu gehen, nicht einräumen. Es braucht Ausbilder, die Spaß daran haben, junge Menschen zu entwickeln.

  • <p>Dr. Steffi Burkhart hält jedes Jahr bei bis zu 120 Veranstaltungen Fachvorträge und Keynotes.</p>

    Dr. Steffi Burkhart hält jedes Jahr bei bis zu 120 Veranstaltungen Fachvorträge und Keynotes.

Was können Betriebe im Alltag konkret dafür tun, damit die Ausbildung gewinnbringend für beide Seiten wird?

Natürlich müssen die täglichen Aufgaben erledigt werden. Aber: Haben die Azubis die Möglichkeit, einmal in andere Bereiche reinzuschnuppern? Können sie sich die Buchhaltung anschauen? Vielleicht tun sich Betriebe mal zusammen und überlegen sich eine gemeinsame Aufgabe oder lassen die jungen Leute zum Beispiel einen Tag lang die Verantwortung auf einer Baustelle übernehmen. Ich glaube, es ist viel mehr Potenzial da, wenn man kreativ nach neuen Lösungsansätzen sucht. Das kann ein Charity-Projekt in einem Altenheim oder in einem Kindergarten sein, all das fördert die soziale Kompetenz. Oder: Den Azubi im Rahmen eines Schnupperpraktikums in einem Hotel an der Rezeption mitarbeiten lassen. Dann kommt der Jugendliche aus der eigentlichen Arbeit raus und lernt unglaublich viel von einer Branche, die eine sehr hohe Servicekultur an den Tag legt. Elementar dabei: Reflektieren! Also einmal in der Woche mit dem Azubi zusammensetzen und besprechen, was gut und weniger gut gelaufen ist. Auch kleine Erfolge sollten gefeiert werden!

Wie lernt die Generation Z am besten?

Junge Menschen haben einen anderen Zugang zu Lernmaterial. Die Kooperation von Brillux mit der Lernapp simpleclub kommt da zum richtigen Zeitpunkt: Die Generation Z will Informationen sofort greifbar haben, das gilt auch für digital aufbereitetes Material. Individualisierung ist hier ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Die Jugendlichen wollen kein Gießkannenprinzip, sondern in ihrem eigenen Tempo und mit den unterschiedlichsten Formaten lernen. Aber: Sie brauchen einen Ausbilder, der die Dinge mit ihnen analog vertieft. Sie müssen außerdem lernen, zwischen gutem und schlechtem Lernstoff zu unterscheiden, gerade bei der Menge an Informationen. Wenn Betriebe ihnen die Möglichkeit geben, während der Ausbildung zu wachsen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln, wird das honoriert. Azubis haben oft ein Feingefühl dafür, ob jemand authentisch, ehrlich und respektvoll ist.

Oft heißt es "Der Azubi hat ständig das Handy in der Hand". Wie können Ausbilder mit dieser Herausforderung umgehen?

Es ist wichtig, jungen Menschen den Umgang mit dem Handy beizubringen und insbesondere Regeln für den Arbeitsalltag aufzustellen. Wie verhalte ich mich zum Beispiel, wenn ich einem Kunden gegenüberstehe? Kann das Handy vielleicht proaktiv als Medium einbezogen werden? Wir müssen verstehen: Die Generation Z ist vielfach geblendet von Stars auf Instagram und YouTube, und sie verkennt, was hinter den Kulissen stattfindet: Nämlich, dass hinter dem Erfolg harte Arbeit steckt. Das heißt, wir müssen die Jugendlichen dabei unterstützen, ein entsprechendes Durchhaltevermögen aufzubauen, fachlich und persönlich.

Digital Natives auf der Baustelle – wie können Betriebe hier von ihren jungen Mitarbeitern profitieren?

Die Generation Z hat die Deutungshoheit über das wichtigste Massenmedium unserer Zeit, das Internet. Das ist eine Ressource, die Handwerksbetriebe gut einsetzen können: Vielleicht hat ein Azubi Lust dazu, den Social-Media-Kanal des Betriebs zu pflegen und den Ablauf auf einer Baustelle zu begleiten? Diese Möglichkeiten gilt es im Gespräch auszuloten und zu nutzen.

Was ist bei der Ansprache potenzieller Auszubildender am wichtigsten?

Bewerber wollen immer mehr wissen, was für eine Kultur in einem Betrieb herrscht: Welche Menschen arbeiten dort? Wie ist der Chef? Was ist das für ein Ausbilder? Was lerne ich in den drei Jahren? Welche Projekte machen wir? Betriebe sollten genau das zeigen! Über kurze Videos auf der Website, über Social Media, sie sollten sich außerdem auf Veranstaltungen für junge Menschen authentisch präsentieren und dann konkret in den Betrieb einladen. Man kann Schnuppertage anbieten oder eine "Bring a friend"-Aktion unter den eigenen Mitarbeitern starten: Jeder soll in seinem Umfeld schauen, ob es einen Kandidaten gibt, der sich für eine Ausbildung in dem Bereich interessiert. Auch wichtig: Es braucht jemanden im Betrieb, der sich Zeit freiräumt, um sich strategisch mit dem Thema "Arbeitgebermarke" auseinanderzusetzen. Gerade kleine Betriebe können hier sehr gut mit einem Industriepartner wie Brillux zusammenarbeiten und von der Kompetenz in der Personalgewinnung und -entwicklung profitieren.

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