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Handwerkskunst in OberbayernLebendige Bilderbücher

Fotos: istock (Angelika Jakob)

Dieser Artikel erschien in der MarktImpulse 3/19

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Prächtige Lüftlmalereien aus dem 18. Jahrhundert schmücken die Hausfassaden in den oberbayerischen Dörfern Mittenwald und Oberammergau. Damit das so bleibt, ist wahre Handwerkskunst gefragt.

Mitten im beschaulichen Ortskern von Oberammergau spielt sich ein Drama ab: Soldaten hasten über Freitreppen, Jesus wird von Pilatus verurteilt, Männer mit Turban gestikulieren, jemand fliegt durch die Luft. Hier, auf der Fassade des Pilatushauses, zeigt Franz Seraph Zwinck im Jahr 1784 alle Facetten seiner Kunst. Er spielt mit Perspektiven, errichtet falsche Säulen – und verwandelt das architektonisch schlichte Gebäude in eine turbulent bevölkerte Bühne. Immerhin: Rosen, Phlox und Buchshecken im Barockgärtlein vor dem Haus sind echt.

 

 

  • <div><p>Zwincks Meisterwerk: Das Pilatushaus in Oberammergau beherbergt heute die Gemeindeverwaltung.</p></div>

    Zwincks Meisterwerk: Das Pilatushaus in Oberammergau beherbergt heute die Gemeindeverwaltung.

  • <p>Malerisch präsentiert sich die Natur rund um die beiden Alpendörfer – so wie hier der Geroldsee bei Mittenwald.</p>

    Malerisch präsentiert sich die Natur rund um die beiden Alpendörfer – so wie hier der Geroldsee bei Mittenwald.

Schon in der Antike verzierten reiche Kaufleute ihre Häuser gerne mit Figuren, Schmuckelementen und Architektur-Illusionen. Nach Oberbayern kam die Inspiration aus Italien, wo die Städte vom Beginn der Renaissance bis zum Spätbarock farbenfrohe Bilderräume waren: Die ländlichen Gemeinden im Karwendelgebiet lagen zu Beginn des 18. Jahrhunderts an einer wichtigen Handelsroute, der von Venedig nach Augsburg führenden Rottstraße.

Die Dörfer Mittenwald und Oberammergau dienten als zentrale Warenumschlags- und Stapelplätze. Hier ansässige Händler, Bauern und Handwerker wurden reich. Auch Bildung und Weltoffenheit zogen in die Dörfer ein. Handelsreisende erzählten von den fantastischen Wandgemälden, die sie in größeren Orten gesehen hatten. Lüftlmalerei entstand im Werdenfelser Land in Oberbayern und findet sich noch bis nach Tirol. 

Mit Franz Karner (1738–1817) in Mittenwald und Franz Seraph Zwinck (1748–1792) in Oberammergau wuchsen obendrein zwei begnadete Handwerker und Künstler vor Ort auf. 

  • <div><p>Handwerkerhaus: Seit 1848 leben Nachkommen Zwincks in diesem Haus in Oberammergau – sie allearbeiteten ebenfalls als Maler.</p></div>

    Handwerkerhaus: Seit 1848 leben Nachkommen Zwincks in diesem Haus in Oberammergau – sie allearbeiteten ebenfalls als...

Lüftlkunst im Doppelpack

Zwinck hatte als Malerlehrling viel Zeit in der Klosterkirche Ettal verbracht. Er durfte dem Tiroler Freskenmaler Martin Knoller die Pigmentfarben anreiben, während der in der Basilika arbeitete. Die Schule des berühmten Meisters sieht man Zwincks Fassadenkunst an.

Dennoch entwickelte er einen eigenen Stil und prägte das Erscheinungsbild rund um seine Heimatgemeinde derart, dass die regionale Fassadenmalerei nach seinem Wohnhaus "Beim Lüftl" posthum in Lüftlmalerei benannt wurde.

Den gedrungenen Bauernhäusern seines Heimatortes verpasste er fürstliche Säulen, Freitreppen und Baldachine. Doch auch Szenen aus der Passion Christi, Marienfiguren und Schutzheilige zieren ganze Straßenzüge in Oberammergau und Mittenwald.

 

Ohne die Rottstraße würde es hier wohl gar keine Fassadenmalerei geben. "Die ersten Neureichen gaben ihr Geld damals gern für die Schönheit ihrer Häuser aus. Heute investiert man eher in Haustechnik und Luxusgüter.

Michael Ertl, Malermeister und Restaurator aus Garmisch, einer der wenigen Handwerker, die die Lüftlmalerei noch beherrschen.

 

Ebenfalls beliebt ist das Thema der Flucht nach Ägypten, Zwincks Künstlerkollege Karner malte es mehrfach. Die Popularität dieser Szene erklärt sich wohl mit ihrer Nähe zur Lebenswirklichkeit der Händler und Handwerker, die wie die Heilige Familie ihre Heimat verlassen und in die Ferne reisen mussten. Aus dem Alltagsleben kamen Pferdegespanne, Jagdszenen und Sonnenuhren dazu.

Während Zwinck seine Scheinarchitektur über ganze Fassaden zog, verteilte Karner die Darstellungen lieber auf der Fläche. Johann Wolfgang von Goethe soll Mittenwald 1786 nach einer Reise über die Alpen begeistert als "lebendiges Bilderbuch" bezeichnet haben.

  • <div><p>Marienbildnis: Kaum ein Haus entlang der Rottstraße kommt ohne Darstellung der Gottesmutter aus. Dieses&nbsp; Werk Karners ziert heute das Geigenbaumuseum in Mittenwald.</p></div>

    Marienbildnis: Kaum ein Haus entlang der Rottstraße kommt ohne Darstellung der Gottesmutter aus. Dieses  Werk Karners...

Nichts für Anfänger

Lüftlmalerei ist Freskomalerei. In Wasser gelöste Farbpigmente wurden auf eine zwei Millimeter dicke, noch feuchte Kalkputzschicht aufgetragen. Während das Wasser verdunstete, nahm der Kalk unter Bildung von Kalziumkarbonat Kohlensäure aus der Luft auf, und die Farbpigmente verbanden sich mit dem Kalk.

Es entstand eine steinharte wasserunlösliche Sinterschicht, deren Schimmer bis heute fasziniert. Diese Fresco-buono-Maltechnik ist allerdings nichts für Anfänger: Der Maler muss zügig arbeiten, solange der Putz noch feucht ist, und kann nachträglich nichts mehr verändern.

Entwürfe auf Karton gaben etwas Sicherheit: Bevor die Künstler zum Pinsel griffen, übertrugen sie ihre Werke zunächst als Vorzeichnung mit einem spitzen Griffel auf die Wand.

Die zurückhaltende und doch leuchtende Farbigkeit der Fresken geht auf die unzähligen Farbkristalle zurück, aus denen die alten Pigmentfarben bestehen. Der wechselnde Lichteinfall verleiht den Bildern Tiefe. Der Witterung widerstehen die mineralischen Farben erstaunlich gut.

Über 200 Jahre schon sind sie Wind, Regen, Sonne und stark schwankenden Temperaturen ausgesetzt. Zum Glück gibt es noch viele unveränderte oder sorgfältig instand gesetzte Originale. Etliche der barocken Kunstwerke gingen allerdings auch verloren – eine fachgerechte Restaurierung ist teuer und aufwendig.

Bewundern und bewahren

Michael Ertl hat sich das Lüftlmalen selbst angeeignet. Es gibt dafür keine offizielle Ausbildung. "Man braucht Mut, Sicherheit und Schwung", nennt er die wichtigsten Voraussetzungen für die barocke Fassadenmalerei.

"Der Strich muss fließen, ich darf nicht stocken." Ertl malt zügig einen Schnörkel in die Luft. "Und ich darf auf keinen Fall zu genau sein. Die Bilder sind locker hingetupft. Augen zum Beispiel, die werden nur als kleine schwarze Batzen in die Gesichter gesetzt.

Aus der Entfernung wirkt das präzise, der Charme liegt aber darin, dass es eben nicht ganz ausgearbeitet ist. Für falschen Marmor setze ich unregelmäßige Striche auf die Grundfarbe. Das sieht aus der Nähe schlampig aus. Aber geht man ein paar Meter zurück, wirkt es fast wie echt."

Die alte Fresco-Technik wendet Ertl allerdings nicht mehr an. "Das ist nicht mehr bezahlbar", bedauert er, "ich male auf trockenem Putz, so habe ich etwas mehr Zeit und bin nicht vom Wetter abhängig. Leider sind die Bilder aber nicht so haltbar wie diejenigen, die auf feuchtem Untergrund aufgetragen wurden."

 

Malerei Vergolderei Ertl

Seit über 60 Jahren gibt es die Malerei und Vergolderei Ertl in Garmisch-Partenkirchen, der Malerbetrieb genießt einen hervorragenden Ruf.

Obendrein vergoldet, fasst und restauriert Inhaber Michael Ertl, 52, denkmalgeschützte Kunstwerke. Er besuchte die Meisterschule für Kirchenmaler und Vergolder in München und ist geprüfter Restaurator.

www.malerei-ertl.de

www.facebook.com/Malerei-Vergolderei-Ertl

 
  • <div><p>Ertls historische Pigmente: Die alten Lüftlmaler wussten nicht, dass Arsen, Blei und Quecksilber ihnen schadeten. Purpurfarbe aus Schnecken wird heute aus Artenschutzgründen nicht mehr genutzt, reines Ultramarin war schon immer unfassbar teuer.</p></div>

    Ertls historische Pigmente: Die alten Lüftlmaler wussten nicht, dass Arsen, Blei und Quecksilber ihnen schadeten....

An eine gelungene Restauration werden hohe Anforderungen gestellt. Wie in früheren Zeiten mischt auch Michael Ertl seine Farben dafür vor Ort selbst zusammen. Seinen Metallkoffer mit den 36 wichtigsten historischen Pigmenten hat er immer dabei.

Viel Erfahrung ist nötig, um einzuschätzen, wie stark die Töne während des Trocknens aufhellen. Und Nuancen sind entscheidend, die Farbigkeit der alten Fresken muss er schließlich exakt treffen.

"Wir sind froh, wenn wir ein historisches Fresko fachgerecht aufarbeiten dürfen", sagt der Malermeister, "es ist sehr schade, wenn Hausbesitzer die wertvollen Malereien überstreichen oder falsch ausbessern."

Schließlich ging es ja nicht allein um Angeberei. Die alten Fassadenbilder zeigen auch, was den Menschen damals im Leben wichtig war, was sie erfreute und wovor sie sich fürchteten. Was sie nicht wissen konnten: Die Schönheit ihrer Fassaden begeistert Besucher und Einheimische auch heute noch.

Wahre Helden

Wahre Helden

Maler sind Superhelden – sie entwickeln echte Superkräfte, um auf der Baustelle das Unmögliche möglich zu machen.

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