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Farbbetrachtungen und Farbräume

Dieser Artikel erschien in der Colore 18 himbeerrot.

Bestellen Sie die Printausgabe per E-Mail an: kontakt@brillux.de

Fotos: Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Farbwirklichkeit bezeichnet das physikalische, chemisch definierbare und analysierbare Pigment der Farbe, den Farbstoff. Die Farbwirkung ist die psycho-physische Wirklichkeit der Farbe. Im Gegensatz zur Farbwirklichkeit ist die Wirkung der Farbe eine Wahrnehmung. Farbe steht zwischen rationaler Kategorisierung und emotionaler Wahrnehmung.

Unsere Intention als Entwerfer von Innenraumkonzepten ist nicht die Farbwirklichkeit - drei Kilo Scharlachrot -, sondern die Farbwirkung. Die Dimension der Farbe, ihre Proportion, das Größenverhältnis der Farbflächen zueinander, die Beziehung der Farben untereinander, ihre Ausdehnung und Position, ihr Ausmaß, ihre Farbdichte oder Transparenz sind relevant für das Raumerleben. Künstlerische Farbkonzeptionen, in denen raumbildende Energien sich manifestieren, verleihendem Raum eine zusätzliche Eigendynamik und machen ihn "reicher" für die menschliche Wahrnehmung.

 

Für die Rubrik FARBBETRACHTUNGEN wird Prof. Eva Filter, Dozentin an der Detmolder Schule im Studiengang Innenarchitektur, an dieser Stelle künftig Beiträge verfassen, die das Thema Farbe mehr in den Gestaltungsfokus rücken. In einen Fokus, der neugierig macht auf mehr grundlegendes Wissen, der zu etwas Neuem inspiriert, der sensibilisiert für die Kraft von Farbe.

Brillux ist seit einigen Jahren Sponsor und Förderer der Hochschule – zuletzt wurde die Ausstellung von Master- und Bachelor-Arbeiten "In der Farbe wohnt der Raum" zusammen mit der entsprechenden Publikation mit ausführlichen und – im Umgang mit Farbe eigentlich unverzichtbaren – Betrachtungen realisiert.

 

Die wissenschaftliche Erfassung der Farben diente immer der Normierung, der Formulierung allgemein gültiger Parameter für eine universelle Verständigung. Die Notwendigkeit der Benennung von Farben begann mit der industriellen Herstellung der Pigment-Farbstoffe. Es gibt erstaunlich viele Modelle, die auf unterschiedlichste Art und Weise versuchen, die Farben, die wir sehen, zu kategorisieren. Um einige zu nennen: Da wären Goethes Farbkreis, das Dreieck von Delacroix, die Farbsterne von Blanc und Ziegler, die Einordnung in ein Koordinatensystem bei Young, der Farbbaum von Munsell, der Doppelkegel von Ostwald und schließlich das CIE-Diagramm und das NCS-System. Alle haben versucht, dem Wahrgenommenen eine Ordnung zu geben. Faktoren, die bei der Farbanalyse Berücksichtigung finden sollten, sind das Licht, das Auge, unser Gehirn, die Beschaffenheit des Materials, das betrachtet wird; eben alle Faktoren in der Kausalkette des Betrachtens. Viele der früheren Modelle haben lichtunabhängige Erklärungsansätze und ignorieren damit einen grundsätzlichen Erscheinungswert der Farbe.

"Das Licht, das Farben beleuchtet, verändert diese ganz erheblich; Blau erscheint bei Kerzenlicht grün und Gelb weiß. Bei schwachem Tageslicht erscheint ein mittleres Blau weiß, ebenso bei Einbruch der Nacht.Maler kennen die Farben, die bei Kerzenlicht wesentlich stärker leuchten als bei Tageslicht; außerdem gibt es eine Reihe von Farben, die bei Tageslicht sehr stark leuchten, bei Kerzenlicht aber ihre ganze Schönheit einbüßen." (aus E.P. Fischer: Die Schichten der Farben).

Die Farbe des Lichts wirkt sich auf die Farbe des Materials aus. Lichtfarbe und Materialfarbe sind voneinander abhängig, unterscheiden sich aber in ihrem grundsätzlichen Erscheinungsbild. Ein Gebäude kann von außen durch den Wechsel von Licht und Schatten Volumen, Proportion und Struktur vermitteln. Ein Innenraum in sanftes Licht getaucht, abhängig von den umfassenden Flächen und den umfassten Gegenständen, wird mittels seiner Farbtöne und Texturen erfahren. John Locke (1632-1704, englischer Philosoph: Erkenntnistheorie) unterschied zwischen den primären und den sekundären Eigenschaften von Gegenständen:

 

Ihre primären Eigenschaften Größe und Form werden objektiv wahrgenommen, relativ unabhängig von subjektiven Empfindungen. Farbe, Textur, Geräusch, Geruch werden in einer höchst subjektiven Weise wahrgenommen.

John Locke (1632-1704, englischer Philosoph: Erkenntnistheorie)

 

Ruskin drückte dies so aus: "Licht und Schatten implizierendas Verstehen von Dingen - Farbe dagegen Vorstellung und Gefühl von ihnen." Im Morgenlicht erscheint eine Farbe kühler als im Abendlicht. Farbe wird immer subjektiv und emotional erlebt. Albert Munsell war einer der Ersten, der das Licht unmittelbar in seine Überlegungen mit einbezog. Er legte 1905 sein berühmtes "The Munsell Book of colors" vor, das in seiner heutigen Fassung 1500 Muster enthält, die aus (relativ) stabilen Pigmenten bestehen. Munsell hat sie selbst hergestellt. Wer eine bestimmte Farbe, die er vor Augen hat, mit einem Munsell-Muster vergleichen will, sollte dies unter dem Licht des nördlichen Himmels tun, also etwa so, wie es an einem schönen Frühlingstag in New York City der Fall sein kann. Sonst kann es trotz aller Genauigkeit und Vielfalt der Anordnung zu Missverständnissen kommen. 1810 publizierte Johann Wolfgang von Goethe seine Farbtheorien und den darin enthaltenen Farbenkreis. Er betonte die Idee von polaren Gegensätzen und bezog seine Erfahrungen mit ein. Dabei setzte er Gelb und Blau, Grün und Purpur, Plus und Minus, Wärme und Kälte, Nähe und Ferne als Kontrastpaare einander gegenüber und ordnete den Farben bestimmte Eigenschaften zu.

 

Von der flächigen Malerei in den dreidimensionalen Raum

Prof. Eva Filter verlangt ihren Studentinnen und Studenten das genaue Hinsehen, das sensible Erspüren, das bewusste Verändern und planvolle Adaptieren ab. Die links in Teilen abgebildete Masterarbeit von Laureen Dawid beinhaltete folgende Arbeitsschritte: Die ausführliche Recherche zu alter und neuer Malerei, die Analyse von Raumgliederungen eines bestimmten Bildes (hier das Bild "Musikstunde" von Jan Vermeer, 1632-75), Gedanken zu Handlungs- und Orientierungszonen, Erfassen der Farbenperspektive und -kontraste, Entwicklung eigener Farbkonzepte, Oberflächenstudien, Übertragung in ein Modell, Verfassen von Konzeptgedanken zu Funktion und Raumnutzung, Ausstellungskonzeption für die Räume der Hochschule, dokumentarische Aufbereitung für den Ausstellungskatalog "In der Farbe wohnt der Raum".

Eine begrenzte Anzahl des Austellungskatalogs kann kostenlos unter kontakt@brillux.de angefordert werden. 

 
  • <p>Das Farbkonzept im Vermeer-Raum ist durch das Erleben von zwei unterschiedlichen Orten gekennzeichnet.</p>

    Das Farbkonzept im Vermeer-Raum ist durch das Erleben von zwei unterschiedlichen Orten gekennzeichnet.

  • <p>Der Kontrast von hellen Beige- und Lilatönen zu den dunklen Grau- und Erdtönen wird hier spürbar.</p>

    Der Kontrast von hellen Beige- und Lilatönen zu den dunklen Grau- und Erdtönen wird hier spürbar.

Farbräume

Ziel einer künstlerischen Raumplanung könnte sein, die raumbildenden Energien von Farbe im Raum zu erfinden und so einzusetzen, dass sie dem Raum eine erweiternde Aura verleihen. Eine kopfgesteuerte Entscheidung aus der Konzeption des Gebäudes heraus, wie z. B. eine Brandwand rot anzumalen, ist auf die Tragstruktur bezogen, verstärkt diese und wird dem Urphänomen "Innenraum" nicht gerecht, der mit dem eigenen Körper durchschritten und als dritte Hülle erlebt wird. Sie selektiert Raumbestandteile in vereinzelte Elemente ohne Berücksichtigung der Nutzung.

Johannes Itten beschreibt in seinem Werk "Kunst der Farbe" verschiedene Farbphänomene. Er spricht unter anderem über den Farbe-an-sich-Kontrast, den Hell-Dunkel-Kontrast, den Kalt-Warm-Kontrast, den Komplementär-Kontrast, den Qualitäts- und Quantitätskontrast. Bei diesen Phänomenen geht es eben um die Wirkung, die diese Farben auf Menschen haben. Zum Beispiel Farbe mit perspektivischer Wirkung: 

"Die räumliche Wirkung einer Farbe kann von verschiedenen Komponenten abhängen. In der Farbe selbst finden sich nach der Tiefe wirkende Kräfte. Diese können als Hell-Dunkel oder Kalt-Warm, als Qualität oder Quantität in Erscheinung treten. Wenn die sechs Farben Gelb, Orange, Rot, Violett, Blau und Grün ohne Zwischenräume auf einem schwarzen Hintergrund aneinandergesetzt werden, sieht man deutlich, dass das helle Gelb nach vorne zu kommen scheint und das Violett in der Tiefe des schwarzen Grundes schwebt. Alle anderen Farben bilden Tiefenstufen zwischen Gelb und Violett. Wird ein weißer Hintergrund verwendet, so ändert sich die Tiefenwirkung. Violett wird vom weißen Grund abgestoßen und scheint nach vorne zu kommen, während Weiß das Gelb als "helle Verwandte" zurückhält."

 

Welche bestimmenden Wertigkeiten hat das Maß von Farbe im Raum? Die Voraussetzungen dazu sind in der menschlichen Wahrnehmung zu finden. Wir alle tragen in uns einen allgemeinen archetypischen Farbenkreis, von dem aus wir alles Farbige um uns herum in seiner Gefühlsqualität erleben, aus dessen Gestalt wir aber umgekehrt auch unsere Gefühle farbig zum Ausdruck bringen können. Dazu kommt ein individueller Bereich seelischer Farben und Farbklänge, die unabhängig von der momentanen Stimmung – möglicherweise modifiziert durch bestimmte Lebensabschnitte – die seelische Identität eines Menschen verbildlichen.

Flächen scheinen sich vom Boden um die Wände aufzuklappen, klappen sich um Ecken und Raumgrenzen herum und verbinden verschiedene Handlungsorte miteinander, so dass eine Synthese zwischen diesen entsteht.
Die Haut des Raumes definiert sich durch lasierende und tragende Flächen, die unter horizontalen Linien liegen.
Unterschiedliche Proportionierungen in Farbe und Form schaffen eine Balance zwischen den Farben und ein homogenes Raumgefühl wird erlebbar.

Architekten denken Räume farbig – Maler denken Farbe räumlich

Die Farbflächen stehen, ganz gleich ob zwei- oder dreidimensional, wie in einem Beziehungsgefüge zueinander. Dieses Gefüge hat eine spürbar höhere atmosphärische Botschaft als die einzelnen Töne für sich. Hella Jongerius nennt das in ihrer Londoner Ausstellung 2017 "Breathing Colours" – Atmende Farbe. Der Raum gliedert sich in Handlungsorte, die identisch sind mit der Nutzung und die in künstlerischen Raumkonzepten gleichzeitig zu "emotionalen Orten" werden können, unverwechselbar charakteristisch den Eintretenden berührend. Das ist vor allem von Farbe und Struktur, von Dichte und Intensität, von Offenheit und Leichtigkeit abhängig. Raum braucht nicht die Farben, die psychologisch ankommen, sondern die, die seine Gesamtgestalt ausdrücken und anregen, was seinen Lebensvorgängen entspricht. Ziel guter Raumgestaltung ist Identifizierung der Nutzer mit dem Räumlichen, mit dem Prinzip der Stimmigkeit: sinnstiftend und impulsspendend, den Dialog zwischen Mensch und Raum anfachend, die Distanz aufhebend. Der Gleichgewichtssinn ist bei alldem beteiligt, er muss ausgewogen sein, da in ihm diverse Empfindungen verknüpft werden: die Raumformen mit der Helligkeit und der Intensität der Farbe. Das natürliche Gleichgewicht zwischen schweren und leichten Farben umgibt uns in der Natur: dunkler Boden, hellere Raumgrenzen, noch hellerer Himmel. Dieser nach oben hin lichter werdende Verlauf bildet das Grundmuster des Boden-Wand-Decke-Gleichgewichtsverhältnisses – ein wichtiges Prinzip in der Förderung der Erdverbundenheit oder Trittsicherheit.

  • <p>Raummodell aus der Masterarbeit von Laureen Dawid.<br /><br /></p>

    Raummodell aus der Masterarbeit von Laureen Dawid.

Sottass schreibt über seine eigenen Empfindungen von Farben in seinen Kindheitserinnerungen:

"An die Farben all dieser Einfälle der Natur erinnere ich mich sehr gut, ich erinnere mich an das Ultramarinblau des Enzians, an das Gelb des Hahnenfußes und der Wespen, an das Orange der Lilien, das Rot der Himbeeren und alle anderen Farben ...und jetzt, wo ich erwachsen bin, erinnere ich mich noch daran, aber nun haben die Farben einen Namen, dagegen, als ich klein war, waren die Farben die Dinge selbst, es waren keine "Farben", sondern es waren Wespen, Himbeeren, Pilze, Blumen und nichts anderes, und als ich klein war, hatten all diese Einfälle der Natur zusammen mit ihren Farben auch ihre Größe, ihren Geruch, ihren Geschmack und auch ihre Seltenheit. (...) Die Welt war gemacht aus Tieren, Bergen, (...) und jedes Ding war das, was es mit seiner ihm anhängenden Farbe war. Für mich existierte damals keine Farbe, die von irgendeinem Gegenstand "gelöst" war, in meinem Katalog an Wahrnehmungen, Entdeckungen, Kenntnissen gab es keine "gelöste" Farbe, die abstrakte Farbe (...), die klassifizierbare Farbe, das "Pantone", wie die gelöste Farbe jetzt genannt wird, die "wissenschaftliche" Farbe, existiert für mich auch heute noch nicht."

Wenn also Farbflächen im Raum Klänge bilden, wenn sie den Raum in Zonen gliedern, die sich kontrastreich unterscheiden – wenn Kontexte hergestellt werden zwischen Funktion, Form und Farbe, dann wird räumliche Farbgestaltung zu einem Erlebnis und gibt dem Nutzer Resonanzen, fordert ihn auf zur Identifikation mit wohltuender Charakteristik.

Bauwerke mit Wow-Effekt

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